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24.11.2011 - Salon 5: Das Leben hält bis zuletzt Überraschungen bereit

 

 

Als Kleinkunstkritiker darf man offen für Neues sein. Daher zog es mich letzten Donnerstag zur Wien Premiere von Guy Helminger (3sat-Bachmann-Preisträge 2004) ins Brick 5. Was dort im Salon 5 geboten wurde, war aber wirklich großes Theater.

Das Brick befindet sich in einem Hinterhof in Fünfhaus und ist ein Verein, der sich seit 2003 der Aufgabe verschrieben hat, multimediale Kunst und Technik zu fördern. Der Salon 5 ist ein Teil dieses Projekts, und will vorwiegend mit darstellender Kunst Besucher dazu einladen, in Dialog zu treten. Miteinander und mit den Künstlern. Auch wenn man es sich nicht vorstellen kann, dass ein ehemaliger Turnsaal zum verweilen animiert, die Bar im Salon 5 tut es! Vielleicht ist es der urige Holzboden, oder die originelle Einrichtung mit altmodischen Fauteuils und Lampenschirmen als Tischchen. Ich fühlte mich jedenfalls auf Anhieb sauwohl in diesem Ambiente.

Für die Inszenierung von "Das Leben hält bis zuletzt Überraschungen bereit" ist Anna Maria Krassnig verantwortlich. Sie hat mit ihrem Ensemble bereits zahlreiche internationale Theaterproduktionen im deutschsprachigen Raum realisiert. Als Theaterraum dient das Loft des Backsteingebäudes.

Das Bühnenbild, bestehend aus ein paar Möbelstücken und einer Bar, ist in gleißendem Weiß gehalten und wirkt irreal. Mit einem Meer aus transparenten Kunstsstoffknäueln soll wohl ein Swimmingpool angedeutet werden, dem Inbegriff von neureichem Besitztum. Auch die drei Erwachsenen des Stücks sind durchwegs weiß gekleidet: Tony der präpotente Broker (Martin Schwanda), seine Frau Grace (Isabella Wolf), die nahezu keinen Kontakt zur Außenwelt pflegt, und Jesus (Luc Feit), der mystische Arbeitskollege von Tony. Bühnenbildnerisch werden Tony und Grace von Kid Cool (Philipp Kraiczy) und Kid Kat (Jana Podlipna), den zwei Kindern ihrer "Putzliesl", flankiert.

Das Stück beginnt damit, dass Tony Grace von den abstrusen Gedanken Jesu erzählen will. Doch sie beschäftigen so wichtige Dinge, wie das Design ihrer neuen Visitenkarte aussehen soll. Irgendwie erinnern die beiden stark an Barbie und Ken. Hier wird nicht gearbeitet, sondern man lässt arbeiten: Ken das Geld und Grace die Putzliesl. Arbeit hat für die beiden keinen Wert, Geld aber schon. Da gilt es schon, sich zur arbeitenden "Klasse" abzugrenzen. Daher sind Konversationen mit der "Putzliesl" ein absolutes No-Go. Grace lebt in einem Paralleluniversum, wo sie erst im TV erfährt, wie überhaupt Putzmittel riechen. Schon recht plakativ, was uns hier Helminger auftischt. Sollen die zwei also jene sein, vor denen uns die Wallstreet-Demonstranten warnen?

In der Beziehung von Tony und Grace zueinander ist es schwer herauszufinden, worin für sie der Sinn dieser besteht, ist doch deren Umgang miteinander nicht gerade liebevoll und respektvoll, sondern eher nach der Devise "l'enfer c'est les autres".

Jesus himself, entpuppt sich als Gegenpart zu dem MaterilistenTony. Er sprüht nur so an Transzendenz, will die Seele aus dem fetten Körper des Menschen extrahieren. Es ist halt eine schwierige Gratwanderung zwischen einer wohldosierten Menge an Aphorismen, und trashigem Zitatenschleudern. Seine Statements reichen aber allemal noch, um Tony in Nullkommanix, aufgrund fehlender moralischer und philosophischer Perspektiven, zu verunsichern. Als Ort der Verkündigung dient meist die Bar, wie als stünde Jesus hinter dem Altar in einer Kirche. Die Putzliesl und die Kids wiederum unterminieren mit ihren Wortmeldungen das Weltbild von Grace. Die Kids der Reinigungskraft tragen, ob der sozialen Ungerechtigkeiten, recht viel Zorn in sich.

Den Wechsel zwischen den einzelnen Szenen des Stücks, welches mit einem einzigen Bühnenbild auskommt, hat Anna Maria Krassnig genial gelöst: Die Kids leiten mit gesanglichen Einlagen bzw. bissigen und aggressiven Dialogen zum nächsten Aufzug über. An dieser Stelle sei ein ausdrückliches Lob an Licht- und Tontechnik ausgesprochen. Aufgrund dieser Zwischenszenen lässt sich bereits erahnen, welch Konfliktpotential hier zwischen den Lebensswelten von Tony und Grace einerseits, und den Kids andererseits, schlummert.

Im großen Finale dringen dann die Kids auch tatsächlich in die Welt von Tony und Grace ein und die sterile Realität der beiden wird endgültig befleckt. Welche Saat nun in dieser ursprünglich sterilen Welt aufgeht, erfahren wir leider nicht. Mit diesem offenen Ende bleibt allerdings auch Helmingers Gesellschaftskritik unverbindlich. Eigentlich wäre ich sehr neugierig, welche postfinanzkapitalistische Gegenwelt er konzipieren würde.

Inhaltlich mag das Stück zwar hart an der Grenze zur Plattitüde sein, allerdings zeigt Helminger, dass Gesellschaftskritik nicht moralinsäuregetränkt daherkommen muss, sondern durchaus auch unterhaltsam sein kann und trotzdem zum Nachdenken anregen kann. Was für mich von diesem Abend sicherlich in Erinnerung bleibt, ist die kreative Inszenierung und ein Ensemble, welches durch sprachliche und musikalische Brillanz besticht.

Für den Kulturfokus: Markus Freiler

PS.: Da ich gesundheitlich etwas angeschlagen war, konnte ich leider an den "nächtlichen Salongesprächen" nach dem Stück nicht teilnehmen. Da der Ort aber äußerst einladend auf mich wirkt, werde ich dies aber beim nächsten Besuch bestimmt wahrnehmen.

 

http://www.salon5.at/start.php?m=1

Markus Freiler am 2.12.11 10:02

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